Zukunft verbaut? Warum wir eine Revolution in der Bauindustrie brauchen und wie diese gelingen kann

6. 8 .2021, Nele Feldkamp

Die Klimakrise ist omnipräsent - Wir hören von steigenden CO2-Emissionen in den Nachrichten, lesen Berichte zum Artensterben und erfahren Extremwetterereignisse am eigenen Leib.

Außerdem handeln wir, indem wir Bio-Lebensmittel kaufen, weniger Auto fahren und Fleisch essen, nicht mehr in den Urlaub fliegen und möglichst plastikfrei einkaufen. Während dies wichtige Schritte sind, um die gesetzten Klimaziele der EU oder auch Deutschlands zu erreichen, gibt es weitere, große Potenziale, enorme Mengen an CO2 einzusparen - nämlich im Bausektor. Denn der Bausektor ist weltweit für etwa 50% der CO2 Emissionen verantwortlich. Dabei ist die Zementindustrie allein für 8% der globalen Treibhausgase verantwortlich (Langen, 2019). Außerdem bestehen schon heute Versorgungsengpässe für Rohstoffe wie Kies und Sand, elementare Bestandteile von Beton. 

Durch massive Bauprojekte wird darüber hinaus immer mehr Boden versiegelt. Dies führt dazu, dass Regenwasser weniger gut versickert, sodass gerade bei starken Regenfällen Überschwemmungen drohen. Wasser verdunstet auf versiegeltem Boden nicht, sodass auch der Kühlungseffekt, den das Verdunsten im Sommer hat, ausfällt. Hinzu kommt, dass der versiegelte Boden nicht mit Wasser und Luft versorgt wird. Dies führt zu einer gestörten Bodenfauna, die sich schwer wieder regenerieren lässt (UBA, 2020).

Erzeugerpreisindizes ausgewählter Baumaterialien im Mai 2021. Destatis, 2021.

Auch neben den ökologischen Auswirkungen der Rohstoffnutzung ist der Bausektor momentan in einer angespannten Lage. Die Preise für etliche Materialien sind im Zuge der Corona-Pandemie sowie durch Versorgungsprobleme im Jahr 2021 massiv angestiegen (siehe Grafik). Am auffälligsten hat sich hier der Preis für Konstruktionsvollholz verändert. Allein im Mai 2021 ist der Preis um 83,3% im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Außerdem war Betonstahl in Stäben (wird u.a. in Decken, Wänden und Böden eingesetzt) im Mai 2021 etwa um 44,3% teurer als im Mai 2020 (Destatis, 2021). 

Die gute Nachricht ist, dass wir diesen Einflüssen und Veränderungen des Bausektors nicht hilflos ausgesetzt sind. Die Prinzipien Reduce, Reuse, Recycle (Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln) sind auch im Bausektor entscheidende Prinzipien zur erfolgreichen Minimierung des CO2-Fußabdrucks sowie zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. 

Reduce

Komplett auf das Bauen von Gebäuden zu verzichten, stellt in Zeiten mit erhöhtem Bedarf an Wohnraum keine realistische Lösung dar. Dennoch lassen sich Potenziale identifizieren, um den schädlichen Umwelteinfluss von Gebäuden zu minimieren. Um weniger Bodenfläche zu versiegeln, empfiehlt es sich generell eher in die Höhe als in die Weite zu bauen. Bestehende, leerstehende Immobilien nutzen, anstatt neu zu bauen führt außerdem dazu, dass Baumaterialien länger genutzt werden und weniger neue Materialien gefertigt werden müssen. Um die schädlichen Einflüsse von CO2-intensiven Materialien zu minimieren, stehen neben dem vermehrten Einsatz von beispielsweise Holz auch alternative Baustoffe im Fokus. 

Hier geht die Firma Polycare einen konsequenten Weg, um die Nutzung von Sekundärrohstoffen in der Baubranche zu beschleunigen. Polycare hat bereits 10 Jahre Erfahrung im Umgang mit niederen Sanden (zB Wüstensande) sowie Sekundärrohstoffen (Rezyklate, Bauschutt, Gießereisande, etc.), um daraus nachhaltige Baustoffe und Bausteine herzustellen. Der Gründungsimpuls kam nach der Katastrophe auf Haiti 2010 als sich die Gründer die Frage gestellt haben, wie wir aus Bauschutt (bzw. Material, das direkt verfügbar ist) neue Bausteine schaffen können, die es jedermann erlauben am Bauprozess teilzunehmen (für den integrativen Wiederaufbau der Insel). Das Ergebnis ist ein System von Bausteinen, das an die Lego-Bauweise erinnert und sich durch ein Leichtbaudesign auszeichnet. Durch den Einsatz einer neuen Generation von Bindemitteln werden somit 75% an Material und Gewicht auf das Volumen sowie ca. 60% CO2 Emissionen eingespart (im Vergleich zu Stahlbeton). 

Die sogenannten Polyblocks werden heute bereits in Namibia und ab 2022 in Südafrika hergestellt. Dort wird der Einsatz von Gießereisanden als Hauptbestandteil der Rezeptur erstmal industriell skaliert, sodass dieses Material in Zukunft nicht mehr auf der Mülldeponie landet. In Deutschland produziert Polycare ebenfalls Bausteine und steht kurz vor dem Erhalt der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung. Die Herausforderung wird dann sein, auch Sekundärrohstoffe verwenden zu dürfen - eine regulatorische Hürde in Deutschland. 

Da die Bausteine nicht vermörtelt oder verklebt werden, sondern durch ein Gewindestangen-System miteinander verspannt werden, können sie wieder zerstörungsfrei zurückgebaut und daraufhin wiederverwendet werden. Dies hat Polycare bereits in Deutschland und Südafrika eindrucksvoll gezeigt.



Reuse

Neben der Vermeidung von CO2- intensiven Rohstoffen beruht das Prinzip der Kreislaufwirtschaft außerdem auf dem Prinzip “Reuse”, also dem wiederverwenden von Ressourcen. Eine echte Kreislaufwirtschaft sieht also vor, dass alle Produkte und Materialien unendlich in Kreisläufen zirkulieren können. Übertragen auf die Baubranche bedeutet das: Die in den Gebäuden eingesetzten Bauprodukte sollten so gestaltet sein, dass sie chemisch unbedenklich, sortenrein trennbar und vollständig recycelbar sind. Derzeit entspricht ein Großteil der Produkte noch nicht dieser Anforderung. Hinzukommt, dass die Produktinhalte, ihre stoffliche Zusammensetzung sowie der monetäre Wert der Rohstoffe nicht ausreichend dokumentiert sind. Sprich, es lässt sich nicht vollständig nachvollziehen, ob ein im Gebäude gebundenes Bauprodukt für die Rückführung in den Kreislauf geeignet ist und über welchen Rohstoffwert es verfügt.

Um die Circular Economy in der Bau- und Immobilienbranche voranzubringen, braucht es ein digitales Kataster. In diesem sind alle notwendigen Informationen zu Materialien in einer Online-Cloud-Plattform hinterlegt. Durch einen sogenannten „One-Stop-Zugangspunkt“ können Nutzer Informationen zu den Umweltauswirkungen eines Produkts oder Assets sowie gesundheits-, regulierungs- und finanzbezogene Entscheidungshilfen über den Lebenszyklus des Objekts liefern. Die Datenbank sollte zudem Informationen zu Objekten digital und standardisiert (Stichwort: digitaler Zwilling/BIM) mit Asset-, Produkt- und Materialdaten speichern, anreichern, teilen und verwalten können.

Madaster ist so eine Online-Plattform für Materialien. Sie schafft Transparenz über Materialwerte und bietet eine vertrauenswürdige Datenquelle. Gleichzeitig etabliert sie ein Ökosystem, das auf Marktplätzen Produkte, Architekten, Projektentwickler, Banken, Asset Manager und die öffentliche Hand zusammenbringt.

Eine wichtige Voraussetzung für den Werterhalt ist, dass Gebäude so konzipiert und gebaut werden, dass es einfach und damit wirtschaftlich lohnend ist, sie rückzubauen und die darin gelagerten Materialien und Ressourcen wieder zu verwenden. Daraus ergibt sich ein finanzieller Anreiz für Entwickler, Produzenten und Bauherren, die Vergänglichkeit bei der Planung und im Bau „vorwegzunehmen“.

Recycle

Materialien, die weder vermieden, noch in Ihrer Form und Funktion wiederverwendet werden können, werden oft dem Recycling zugeführt. Während beispielsweise das Recycling von Kunststoffen, Papier und Glas schon etablierte Praxis ist, werden Bauschutt und Co. oft deponiert, das Recycling zu “neuen” Baustoffen ist bisher aufwendig und scheint nicht rentabel. Neben hohen Standards, die Sekundärbaustoffe erfüllen müssen, um in der Bauindustrie wiederverwendet zu werden ist außerdem die fehlende Akzeptanz der Bauherren ein Hindernis der flächendeckenden Etablierung der Sekundärbaustoffe (Quelle). Dabei werden von recycelten Baustoffen oft sogar höhere Qualitäten vorgeschrieben als es bei neuen Rohstoffen der Fall ist (Quelle). 

Während also auch das Mindset gegenüber Recyclingbaustoffen eine entscheidende Rolle spielt, liegt ein weiteres Hindernis in der fehlenden Infrastruktur für den Handel von Bauschutt und Recyclingbaustoffen. Genau hier setzt der digitale B2B Marktplatz von Cyrkl an. Über die Online-Plattform können Unternehmen Abfälle kostenlos anbieten oder selbst Recyclingmaterialien kaufen. So können Netzwerke zwischen Bauschuttverursachern, Recyclern und Verwertern einfach und europaweit oder ganz lokal geschaffen werden. 

Auf dem Marktplatz können jegliche Bauabfälle angeboten werden. Interessierte Recycler oder Wiederverwerter können unkompliziert direkt mit dem Anbieter über den Cyrkl Marktplatz in Kontakt treten und potenzielle Kosten oder Preise, Transport oder Details zum Material besprechen. So können auf schnellem Wege Materialien vermittelt werden und die Kreislaufwirtschaft im Bausektor ermöglicht werden.

Wir blicken auf herausfordernde Jahre, in denen es uns gelingen muss, negative Einflüsse des menschlichen Lebens auf unserem Planeten zu minimieren. Zum Glück mangelt es nicht an Lösungen und Innovationskraft und besonders im Bausektor steckt ein riesiges Potenzial, Treibhausgase zu minimieren und Ressourcen zu schonen. Eine Transformation des Sektors bringt uns den gesetzten Klimazielen ein ganzes Stück näher. Dass auch viele, kleinere Lösungen in ihrer Gesamtheit Großes bewirken können, werden Unternehmen wie Polycare, Madaster und Cyrkl in den nächsten Jahren weiterhin unter Beweis stellen können. 

 

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Quellen:

Destatis, 2021. Pressemitteilung Nr. N 044 vom 5. Juli 2021. Abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_N044_61.html 

Langen, K. 2019. Bauwirtschaft und Klimaschutz: Stahl, Beton und Zement verschlingen Energie. Deutschlandfunk Kultur. Abrufbar unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/bauwirtschaft-und-klimaschutz-stahl-beton-und-zement.976.de.html?dram:article_id=453432 

UBA, 2020. Bodenversiegelung. Abrufbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/boden/bodenversiegelung#okologische-auswirkungen 










 

‐ Nele Feldkamp

Cyrkl in den Medien