(DE) Kreislaufwirtschaft – eine Investition in Europas Zukunft

19. 1 .2021, Nele Feldkamp

Zirkuläre Materialflüsse sind nicht nur besser für die Umwelt als lineare Modelle, sondern bergen auch viele Vorteile für Wirtschaft und Unternehmen. Welche genau und worauf Unternehmen bei der Implementierung von Zirkularität achten sollten, erklärt Laura Beyeler. Sie forscht als Doktorandin an der TU Berlin zu den Themen Kreislaufwirtschaft und Suffizienzstrategien und ist Teilzeitberaterin bei Who is Nik. Projektlabor GmbH.

Europa möchte klimaneutral werden. Und zwar bestenfalls bis zum Jahr 2050, so ist es jedenfalls im Europäischen Grünen Deal der Kommission festgelegt. Dieser Deal umfasst einen Fahrplan mit den folgenden Zielen:

  •  Bis 2050 sollen keine Netto - Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden.
  •  Das Wirtschaftswachstum soll von der Ressourcennutzung abgekoppelt werden.
  •  Niemand, weder Mensch noch Region wird im Stich gelassen (1).

Die Europäische Kommission zeigt mit dem Grünen Deal die Bereitschaft auf, in nachhaltige Zukunftsmodelle zu investieren und so den Anstieg der Erderwärmung zu stoppen bzw. zu verlangsamen (2). Außerdem umfassen die Ziele des Grünen Deals nicht nur die ökologische Notwendigkeit einer grüneren Zukunft, sondern binden auch ökonomische und soziale Gesichtspunkte ein, um Europa eine ressourceneffiziente und zukunftsorientierte Wachstumsstrategie zu ermöglichen.[1]

Es lassen sich konkrete Handlungsfelder zur Erreichung der Ziele und damit zur Europäischen Klimaneutralität im Grünen Deal finden. Als eine zentrale Maßnahme wird die „Förderung einer effizienteren Ressourcennutzung durch den Übergang zu einer sauberen und kreislauforientierten Wirtschaft“ (5) genannt. 

Kreislaufwirtschaft (engl. Circular Economy)[2] ist schon seit einigen Jahren ein viel diskutiertes Thema, dass zwar auf viel Zuspruch trifft, trotzdem aber noch nicht flächendeckend angewandt wird. So besteht beispielsweise in Deutschland schon seit 2012 das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), welches den Grundsatz einer menschen- und umweltfreundlichen Abfallbewirtschaftung unter Berücksichtigung von technischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten befolgt (7).

Warum das Thema Kreislaufwirtschaft nicht nur für die Umwelt und Gesellschaft sinnvoll ist, sondern auch eine Chance für Unternehmen darstellt, erklärt Laura Beyeler, Doktorandin der TU Berlin zum Thema Kreislaufwirtschaft und Suffizienzstrategien und Teilzeitberaterin bei Who is Nikfür den Aufbau einer umweltfreundlichen Kreislaufwirtschaft für Verpackungen in der Schweiz.

Laura, welche Vorteile entstehen für Unternehmen, die zirkuläre Kreisläufe integrieren?

Laura Beyeler: „Für Unternehmen können beispielsweise neue Netzwerke entstehen. Durch neue Wertschöpfungsketten entsteht eine neue Art der Kollaboration, welche die Zusammenarbeit in Richtung Nachhaltigkeit stärken kann. Es entstehen außerdem neue Synergien, die zu Wettbewerbsvorteilen führen können oder einfach gut für die Umwelt und die Gesellschaft sind.

Auch wirtschaftlich gibt es Vorteile. Ein Unternehmen kann sich vor der Konkurrenz profilieren und die Bemühungen in Richtung Kreislaufwirtschaft als Wettbewerbsvorteil nutzen. Hier sollte allerdings immer zwischen ehrlichen Bemühungen und Greenwashing unterschieden werden. Nichts zu unternehmen und weiter umweltschädlich und sozial ungerecht zu handeln, ist ökologisch und wirtschaftlich nicht tragfähig. Langfristig werden die Kosten für ein Unternehmen viel höher sein als die heutigen Investitionskosten für Nachhaltigkeit.

Das Modell einer Kreislaufwirtschaft ist für die Wirtschaft ein attraktives Konzept, weil es viele konkrete Strategien für die Umsetzung auf Unternehmensebene anbietet und den Organisationen ermöglicht, nicht nur auf eine ressourceneffiziente Produktion zu achten, sondern auch entlang der ganzen Wertschöpfung für die Wiederverwendung von Ressourcen zu sorgen.

Auf politischer Ebene werden wahrscheinlich auch weitere Gesetze für die Stärkung der Kreislaufwirtschaft umgesetzt werden. Falls die Wirtschaft nicht selber handelt, sind strikte Verbote oder hohe Steuern denkbar. Unternehmen, die heute schon handeln, könnten von den Steuern zum Beispiel befreit werden oder werden einen Vorteil genießen, weil sie den neuen Normen und Gesetzen schon entsprechen. Auch das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil für Unternehmen, die Kreislaufwirtschaft integrieren.

Außerdem soll Kreislaufwirtschaft gemäß der EU und der Ellen MacArthur Foundation zu Millionen neuen Arbeitsplätzen führen und die nationalen BIP signifikant ansteigen lassen (8). Sollte also grünes Wachstum das Ziel sein (ein anderes, spannendes Thema), kann Kreislaufwirtschaft die europäische Wirtschaft zu einem nachhaltigen Wachstum führen.“

Und was müssen Unternehmen beachten, die ihre Produkte zirkulär gestalten möchten?

Laura Beyeler: „Es gibt viele Strategien, die ein Unternehmen beachten kann, um zirkuläre Produkte zu gestalten. Welche Kreislaufwirtschafts-Strategie von Reduce to Recycle am besten zum Geschäftsmodell und den Zielen des Unternehmens passt, variiert von Branche zu Branche. Es gibt meiner Meinung nach keine Best Practice, aber viele innovative Möglichkeiten, um Kreislaufwirtschaft auf Unternehmensebene zu gestalten. Wichtig ist sicherlich, dass ein Unternehmen nicht nur eine Strategie, zum Beispiel Recycling, berücksichtigt. Die Mehrheit der Hersteller oder Abfüller von Verpackungen begrenzen sich zum Beispiel auf Recyclingziele. Sie versuchen ihre Verpackungen recyclingfähig zu produzieren und wenn möglich sekundäre Materialien in die neuen Verpackungen zu integrieren. Alle großen Lebensmittelkonzerne haben beispielsweise bis 2025 solche Recyclingziele formuliert und sind auch auf einem guten Weg sie einzuhalten (9).

Kreislaufwirtschaft Systeme (Ellen MacArthur Foundation)

Ausschließlich Recyclingziele zu formulieren und zu berücksichtigen, reicht bei Weitem nicht aus und wird die Kreislaufwirtschaft nicht vorantreiben: 

Erstens hat Recycling in den Beschreibungen des Kreislaufwirtschaftskonzepts letzte Priorität. Davor kommen viele andere Strategien welche die Reduktion, die Reparatur oder die Wiederverwendung von Produkten oder von Einzelteilen der Produkte bevorzugen. In der Verpackungsbranche zum Beispiel sollte vor dem Recycling geschaut werden, dass die Mengen an Verpackungen verringert werden. Mehrweg statt Einweg ist außerdem eine kreislauffähige Lösung, welche für Verpackungen umsetzbar ist.

Zweitens kann ein Unternehmen die Kreislaufwirtschaft nicht alleine umsetzen. Wenn alle Verpackungen eines Unternehmens 100% rezyklierbar oder biologisch abbaubar sind, jedoch kein richtiges Sammelsystem oder Verwertungsinfrastrukturen in den Absatzmärkten vorhanden sind, lohnt sich eine zirkuläre Produktion leider nicht. Die Kreislaufwirtschaft bedingt eine neue Art der Kollaboration und des Netzwerkens zwischen Unternehmen und Stakeholder innerhalb einer selben Branche oder eines Ökosystems (10). Ein Unternehmen muss dementsprechend gemeinsam mit den Stakeholdern entlang der ganzen Wertschöpfungskette arbeiten, um die Schließung der Kreisläufe abzusichern. Es bedingt sogar Lobbyarbeit, um die Politik in Richtung Stärkung der Kreislaufwirtschaft zu beeinflussen, da die Kreislaufwirtschaft auch mit politischen Instrumenten und neuen gesellschaftlichen Zielen gestaltet werden kann/ muss.“

 

Quellen:

(1) Europäische Kommission, 2020. Ein europäischer Grüner Deal: Erster klimaneutraler Kontinent werden. Abrufbar unter: https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de.

(2) Europäische Kommission, 11.12.2019. Was geschieht, wenn wir nicht handeln? PDF DokumentAbrufbar unterhttps://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/fs_19_6715.

(3) Süddeutsche Zeitung, 04.03.2010. EU-Kommission stellt Gesetzesentwurf für Klimaneutralität vor. Abrufbar unter: https://www.sueddeutsche.de/politik/eu-green-deal-1.4830586.

(4) Riegert, B., 04.03.2020. Greta Thunberg findet die EU zu lahm. Abrufbar unter: https://www.dw.com/de/greta-thunberg-findet-die-eu-zu-lahm/a-52636374.

(5) Europäische Kommission, 2020. Ein europäischer Grüner Deal: Erster klimaneutraler Kontinent werden. Abrufbar unter: https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de.

(6) Europäisches Parlament, 07.01.2021. Kreislaufwirtschaft: Definition und Vorteile. Abrufbar unter: https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/economy/20151201STO05603/kreislaufwirtschaft-definition-und-vorteile.

(7) Umweltbundesamt, 06.11.2020. Abfallrecht. Abrufbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/abfallrecht.

(8) Ellen McArthur Foundation, 2015.TOWARDS THE CIRCULAR ECONOMY Economic and business rationale for an accelerated transition. Abrufbar unter: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/assets/downloads/TCE_Ellen-MacArthur-Foundation_9-Dec-2015.pdf.

(9) Ellen McArthur Foundation, 2020. The Global Commitment 2020 Progress Report. Abrufbar unter: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/assets/downloads/Global-Commitment-2020-Progress-Report.pdf.

(10) Bauwens, T., et al., 2020. Circular Futures: What Will They Look Like? Ecological Economics 175 (2020). https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2020.106703.

 

[1] Der Europäische Grüne Deal trifft nicht überall auf Zustimmung. Gerade Umweltverbänden und den Grünen gehen die Ziele des Deals nicht weit genug (3). Auch Klimaaktivistin Greta Thunberg zeigt sich von den Plänen enttäuscht. Schließlich müsse die Klimaneutralität weit früher erreicht werden, um die Pariser Klimaschutzziele zu erfüllen (4).

[2] Definition Kreislaufwirtschaft:

„Die Kreislaufwirtschaft ist ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Auf diese Weise wird der Lebenszyklus der Produkte verlängert.“ (6)

‐ Nele Feldkamp

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